(Artikel veröffentlicht am 7.8.2017)

„Direkte Beteiligung führt zu mehr Wertschätzung“

Seit zehn Jahren ist Birgit Ukrow Jugendhilfeplanerin der Landeshauptstadt (Foto: J. Brunzlow)
Seit zehn Jahren ist Birgit Ukrow Jugendhilfeplanerin der Landeshauptstadt (Foto: J. Brunzlow)
Seit zehn Jahren ist Birgit Ukrow Jugendhilfeplanerin der Landeshauptstadt (Foto: J. Brunzlow)

Potsdams Jugendhilfeplanerin Birgit Ukrow über die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen vor Entscheidungen und den Aktionsplan
 

Frau Ukrow, Potsdam hat viele Spielplätze, Kitaplätze und Sportplätze. Ist das noch nicht kinder- und jugendfreundlich genug?

Es geht hier nicht allein darum, die Aufgaben zu erfüllen, zu denen wir ohnehin verpflichtet sind. Natürlich haben wir Kitas, Spielplätze, Schulen und Jugendclubs, mit dem neuen Aktionsplan geht es uns aber um eine stärkere Beteiligung in den Entwicklungsprozessen der Stadt. Wir haben uns der UN-Kinderrechtskonvention verpflichtet. Obwohl die seit 25 Jahren gilt, ist davon noch nicht viel umgesetzt. Daher forcieren wir als Landeshauptstadt diesen Prozess. Kinder sind die Erwachsenen von morgen und sollen lernen, dass man sich erfolgreich in Planungen einbringen kann.

Werden Kinder noch nicht beteiligt?

Doch, in einigen Bereichen gab es auch in den vergangenen Jahren immer wieder Beteiligungen der Kinder und Jugendlichen an Planungsprozessen, beispielsweise von Spielplätzen. Da macht das Kinder- und Jugendbüro als unser Partner eine tolle Arbeit. Denn Kinder können planen und wünschen sich so einige Dinge anders als sie von einem Planer am Tisch vorgeschlagen werden. Das sehen wir immer wieder bei Spielplätzen. Da legen Kinder manchmal sehr viel Wert auf Dinge, die ein Erwachsener womöglich nicht auf dem Schirm hat. Bei der Planung des Spielplatzes am Brunnen haben die Kinder sich beispielsweise ein Trampolin und eine Tischtennisplatte gewünscht.

Spielplatzversammlung auf der Freundschaftsinsel am 7. Juni 2017 (Foto: KiJu-Büro Potsdam)
Spielplatzversammlung auf der Freundschaftsinsel am 7. Juni 2017 (Foto: KiJu-Büro Potsdam)
Spielplatzversammlung auf der Freundschaftsinsel am 7. Juni 2017 (Foto: KiJu-Büro Potsdam)

Gibt es Erfahrung, ob Kinder die Plätze dann mehr nutzen?

Die direkte Beteiligung am Produkt führt dazu, dass es besser behandelt wird und die Wertschätzung steigt. Kinder sind stolz darauf und es fördert die Kreativität. Zudem lernen sie, dass ihre Wünsche nicht immer die der anderen sind und dass ältere Menschen andere Wünsche für einen Mehrgenerationenspielplatz haben als sie. Sie lernen Kompromisse zu schließen sowie demokratische Entscheidungen zu treffen und zu akzeptieren. Sie lernen, dass Mitgestalten und sich einbringen cool sein kann.

Der Aktionsplan ist vor allem für die Arbeit der Verwaltung. Wie schwer wird es ihn umzusetzen?

Es ist erstaunlich, wie viele Kolleginnen und Kollegen sich bei der Erarbeitung mit guten Ideen eingebracht haben. Nun hoffe ich, dass sie nicht nur den Mehraufwand sehen, sondern diesen Prozess als Chance betrachten. Zuletzt hatte ich einen Anruf von einer Kollegin, die sich mit Planungen zu Krampnitz beschäftigt und sehr aufgeschlossen war zum Thema Schaffung von Freiraumqualität für Kinder und Jugendliche. Dies möchten wir mit einer Kinder- und Jugendbeteiligung erreichen. Dort gibt es sehr viele Möglichkeiten abseits der Kitas und Schule, die gebaut werden. Freiraumgestaltung ist ein tolles Thema für Kinderbeteiligungen.

Im Herbst wird Potsdam als kinder- und jugendfreundliche Kommune zertifiziert. So einfach ist das?

Nein, aber die Stadtverordneten haben den Aktionsplan beschlossen und für dieses Bekenntnis gibt es die Zertifizierung. Unser Aktionsplan ist viel konkreter als der vieler anderer Städte. In Wolfsburg sind es beispielsweise nur Handlungsempfehlungen, hier in Potsdam sind es verbindliche Maßnahmen, die umgesetzt werden sollen. Daher ist ein langer Prozess vorausgegangen.

Wie sah der aus?

Wir haben unser Interesse bekundet und sind von dem deutschen Verein Kinder- und jugendfreundliche Kommunen e.V. begutachtet worden. Anhand von Recherchen, Fragebögen und Besuchen haben sie Potsdam getestet und uns am Ende 25 Seiten Hinweise und Ratschläge gegeben, wie wir noch kinder- und jugendfreundlicher werden. Daraus entstand der Aktionsplan, den die Stadtverordneten in diesem Jahr beschlossen haben.

Was sind die nächsten Schritte?

Optimal wäre, dass es eine/n Beauftragte/n für Kinder und Jugendliche in Potsdam gibt, der die Umsetzung des Aktionsplanes federführend übernimmt. Wir werden Schulungen anbieten und den Plan in zwei Jahren fortschreiben. Unser Ziel ist es aber, dass nicht nur die Stadtverwaltung sich Gedanken über die Kinder- und Jugendfreundlichkeit macht, sondern alle in der Gesellschaft. In einem solchen Schritt wollen wir freie Träger, Bürgervereine, Gewerbetreibende und Interessenverbände einbeziehen. Wir sind noch nicht am Ende, es geht noch kinderfreundlicher!

Das Gespräch führte Jan Brunzlow

 

Zur Person
Birgit Ukrow ist seit September 2007 Jugendhilfeplanerin der Landeshauptstadt, arbeitet aber schon seit 20 Jahren im Jugendamt. Unter Federführung der 51-Jährigen ist der Aktionsplan kinder- und jugendfreundliche Kommune 2017 bis 2020 entstanden. Birgit Ukrow hat in den 1980er Jahren am Institut für Lehrerbildung Grundschulpädagogik studiert, später an der Coubertin-Schule und an der Grundschule am Priesterweg gearbeitet und hat ein zweites Studium im Jahr 2003 an der der Fachhochschule Potsdam als Diplom Sozial-Pädagogin abgeschlossen. Sie ist in Brandenburg an der Havel geboren und hat zwei erwachsene Söhne.

 

Aktionsplan "Kinder- und jugendfreundliche Kommune" beschlossen:
58 konkrete Vorhaben sind im Plan dargestellt

Potsdam möchte noch kinder- und jugendfreundlicher werden. Den entsprechenden Aktionsplan „Kinder- und jugendfreundliche Kommune 2017 bis 2020“ haben die Stadtverordneten im Juli beschlossen. Darin sind 31 Handlungsziele mit 58 konkreten Vorhaben, Potsdam noch kinder- und jugendfreundlicher zu gestalten, dargestellt. In den kommenden Jahren stehen im Haushalt der Landeshauptstadt mehr als 300.000 Euro zur Verfügung, um die Vorhaben umzusetzen.
Konkret geplant sind in den kommenden Monaten speziell für Kinder und Jugendliche vorbereitete Beteiligungsverfahren an der Stadtentwicklung. So sieht der Plan vor, die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an allen sie betreffenden Planungen und Entscheidungen in der Hauptsatzung der Stadt zu verankern. Das Kinder- und Jugendbüro ist dabei ein versierter Partner bei der kindgerechten Übersetzung komplexer Sachverhalte und bei der Wahl geeigneter Methoden. Ebenso wird ein Kinderrechtekoffer mit didaktischen Materialien erstellt, um die Kinderrechte bekannter zu machen und dies auch Kindern altersgerecht zu erklären. Zudem sollen einige Schulhöfe und die darauf befindlichen Spielplätze außerhalb der Schul- und Hortzeiten geöffnet werden. „Potsdam wächst und die Flächen für weitere Spiel- und Sportnutzungen sind oft nicht mehr vorhanden. Daher sind neue Ideen notwendig“, so Mike Schubert. Dies soll im Rahmen einen Pilotprojektes getestet werden.
Zu den jeweiligen Vorschlägen im Aktionsplan wird zugleich festgelegt, wer den jeweiligen Vorschlag federführend umsetzen soll. Viele der Ziele sollen bereits in vier Jahren umgesetzt sein.
Ist Potsdam kinderfreundlich? Um dies überprüfen zu lassen, hat sich die Landeshauptstadt der Herausforderung gestellt, durch externe Gutachter Verbesserungspotentiale identifizieren zu lassen. Dazu startete Oberbürgermeister Jann Jakobs mit der Vertragsunterzeichnung am 21. Mai 2015 den aktuellen Prozess der Qualifizierung zur Kinderfreundlichen Kommune nach UNICEF-Standards. Vertragspartner ist der Verein Kinderfreundliche Kommune e.V., der die Stadt prüft, begleitet und berät. Im September erhält die Landeshauptstadt das Zertifikat kinder- und jugendfreundliche Kommune.
Ein Gutachterteam bestehend aus bundesweit agierenden Fachkräften unter anderem aus Jugendhilfe, Stadtentwicklung sowie Kinderrechtsexpertinnen und -experten hat Potsdam im Jahr 2015 auf der Grundlage von Fragebögen, Gesprächen und vorliegenden Daten geprüft. Daraus resultierend sind 25 Empfehlungen an die Stadtverwaltung ausgesprochen worden, um die Kinder- und Jugendfreundlichkeit in Potsdam zu verbessern.